Am Ende

Brittany Maynard ist 29 Jahre alt, als sie die Diagnose Krebs bekommt. Hirntumor. Unheilbar. Die Ärzte geben ihr 6 Monate, kaum länger. Sie sagt in einem Interview: Wenn man so jung ist, dann klingt das, als ob einem jemand sagen würde: Morgen wirst du sterben.

Ich habe es heute morgen im Radio gehört. Fast nebenbei zwischen der Wahl in der Ukraine und dem Wetter, bei viel Verkehr auf der A62. Und es hat mich echt getroffen. Einen kleinen Moment, mitten zwischen den Autos und Regenmassen, zwischen dem Lüftungsgebläse und den Verkehrinfos, die gerade anliefen. Sie hat es wirklich getan. Sie ist tot.              Brittany Maynard ist 29 Jahre alt als sie stirbt. In dem gelben Haus, in ihrem Bett, umgeben von ihrer Familie. Das war glaube ich der Wortlaut, des Nachrichtensprechers. Kaum drei Wochen vor ihrem 30. Geburtstag, an einem Tag, den sie selbst zum Sterben gewählt hat. Dafür ist sie sogar eigens in einen anderen Bundesstaat der USA gezogen – in Oregon ist aktive Sterbehilfe erlaubt. Das alles hat sie auf sich genommen, um selbstbestimmt sterben zu können.

In Amerika hat der „Fall Brittany“ echte Wellen geschlagen. Hier in Deutschland nicht so sehr, obwohl das Thema doch eigentlich auch hier gerade super aktuell ist. Es liegt nämlich seit August ein Gesetzesentwurf vor, der aktive Sterbehilfe auch in Deutschland legalisieren oder jedenfalls straffrei machen will. Und es ist ein Thema, das jeden betrifft – weil es jeden angeht: Wir alle müssen sterben. So ist das. Und deshalb hat auch jeder eine Meinung dazu und dann auch wieder nicht. Denn Nachdenken über das Ende will man eigentlich nicht. Schon gar nicht, wenn man so jung ist. Ich lebe doch.                   Brittany ist 29 Jahre alt, als sie stirbt.

Ich tue mich selbst wirklich schwer, eine Meinung zum Thema Sterbehilfe zu haben. Es ist eines der wenigen Dinge, die mich tatsächlich mal sprachlos machen. Immer, wenn ich glaube, mir gerade eine Meinung gebildet zu haben, kommt ein Argument, das mich wieder ins totale Zweifeln bringt und alles umwirft. Ich bin sicher: Jeder Mensch verdient es, in Würde zu sterben. Niemand soll qualvoll liegen und unerträgliches Leid am Ende aushalten müssen. Und immer, wenn ich so denke und mich an ein Ja annähere, dann lese ich z.B. auf der Seite einer Sterbehilfe Organisation der Schweiz, dass auch psychisch Kranke deren Medikamente bekommen. Einfach in Wasser aufzulösen. Und Menschen mit „nicht aushaltbaren Behinderungen“. Wer entscheidet hier? Ist eine Depression Grund genug dazu, sein Leben zu beenden? Und dann sagt alles wieder: Nein, nein, nein. Und wenn ich dann Nein sage, denke ich an meine Familie. Was, wenn jemand, der mir so nahesteht krank wird, wenn er Angst hat zu leiden? Wie entscheide ich dann? Und ich zweifle hin zu Ja. Und Nein. Ich bin wirklich unentschieden.

Uns Theologen wird oft nachgesagt, wir verurteilten die Sterbehilfe vor allem aus einem Grund: Weil wir nicht wollen, dass jemand Gott ins Handwerk pfuscht. Ganz ehrlich? Nein! Was für ein Unsinn. Sollten wir dann überhaupt Krankheiten heilen und Leben verlängern? Sollten wir dann selbst Entscheidungen treffen, Dinge erfinden oder überhaupt auf dieser Erde sein? Dann könnten wir meiner Meinung nach gleich alles sein lassen.

Ich glaube, dass die Frage der Sterbehilfe für viele Menschen deshalb so schwierig zu entscheiden ist, weil es sie so sehr betrifft. Ich muss sterben. Sich das zu sagen, ist schon nicht immer leicht, wenn man mitten im Leben ist. Die Frage nach dem Ende ist schwer, aber sie betrifft uns alle. Sie reißt tiefe Emotionen auf. Angst vor dem Tod, vor der Ungewissheit, Fragen nach Menschenwürde und Selbstbestimmung. Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen. Und wird es vermutlich nie sein. Gut so, denn so wird immerhin gesprochen.

Heute geht es mir eigentlich nur darum, einer jungen Frau in ihrem Kampf für einen Tod in Würde Achtung zu erweisen. Sie bringt uns zum Reden. Und ihre letzten Worte haben bezeichnenderweise nicht den Tod im Blick, sondern das Leben: „Die Welt ist ein wunderschöner Ort … Lebe wohl, Welt. Verbreitet positive Energie. Tut Gutes.“                                                  Wenn wir über Sterbehilfe reden, reden wir nicht nur über den Tod. Nicht nur über das Sterben. Wir reden auch über das Leben. Darüber, wie kostbar es uns ist. Und darüber, was es uns kostet, diesen wunderschönen Ort, diesen Schatz unseres Lebens loszulassen.

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Ein Gedanke zu “Am Ende

  1. Was denken die Verbliebenen, wenn sie das Grab besuchen? Wie leben sie mit der Entscheidung ihrer Tochter, Freundin etc? Das Recht zu sterben ist das Eine… das Andere ist, was und wen lass ich zurück? In der Psychologie wird der Suizid als eine egoistische Tat gedeutet. Der Entschluss selbst über das Sterben zu entscheiden hat zur Folge, auch meine Angehörigen in Trauer versetzen zu können… Selbstbestimmung. Leider ein zweischneidiges Schwert.

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