Zwei Herzen

Ich rede heute über Herzen. Über zwei Herzen. Das klingt erstmal sehr nach Goethes Zwei-Seelen-Faust, den seine Seelen zerreißen. So meine ich es nicht. Vielmehr glaube ich, es ist wunderbar, diese zwei Herzen zu haben. Also los:

Manchmal habe ich das Gefühl, dass in meinem Körper zwei unterschiedliche Herzen schlagen. Nicht biologisch natürlich, da ist mir bewusst, dass jeder Mensch nur das eine Herz in sich hat. Aber wenn ich das Herz als Metapher nehme für Empfindsamkeit, Gefühl, Tiefe, Wahrnehmung. Ich habe lange überlegt, was es damit auf sich hat und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich ein Erwachsenenherz habe und ein Kinderherz.

Mein Kinderherz schlägt immer dann, wenn ich ganz in meinem Buch versinke. Dann bin ich Drachenzähmerin, stürze mich mit Anna Karenina vor den Zug und bin todesmutig im Kampf gegen Lord Voldemort. Es schlägt dann, wenn ich mich vom Moment so überwältigen lasse, dass ich gerade nur noch Freude bin, nur noch Liebe oder nur noch Tränen. Wenn ich in den Nachrichten sehe, wie IS-Terroristen hunderte Menschen erschießen, einfach so. Und ich sitze, fassungslos und weine, bitterlich.

Mein Erwachsenenherz hat gelernt, mit Verletzungen umzugehen. Mit ihm kann ich viel aushalten, es macht mich stark und mutig. Mein Erwachsenenherz kennt Schmerz, es weiß um die Gewalt in der Welt und hat gesehen, dass Menschen nicht immer zu ihrem Besten und dem Besten anderer handeln. Es schützt sich – und mich. Ich glaube, dass ich mit meinem Erwachsenenherz später an den Krankenbetten sitzen werde, dass ich mit diesem Herz Menschen traue und Trost spende. Mit ihm habe ich im Lauf der Jahre gelernt, dass Leben nie ganz ist, sondern nur Bruchstück. Bruchstück aus dem, was ich an Hoffnungen habe und dem, was in meiner Vergangenheit an Scheitern war. Es macht mich sensibel für die Brüche, für die Fragen und für die Tiefen im Leben.

Und doch: Ich brauche auch mein Kinderherz. Das sich entrüstet über Gewalt und Ungerechtigkeit, weil es noch nicht gelernt hat, dass diese Dinge eben zur Welt dazugehören. Das mich fassungslos stehen lässt, mich zum Staunen bringt und ganz Freude und ganz Trauer sein kann. Das noch ein Gefühl für die Ganzheit des Lebens hat – das darauf hofft, dass am Ende alles Sinn, alles gut ist.

Nein, ich will nicht jeden Abend bei den Nachrichten heulen, weil ich das Elend der Erde nicht von mir weghalten kann. Aber ich will auch nicht dasitzen, stumm und unberührt. Wenn ich sehe, wie Menschen erschossen werden, dann ist es gut, dass ich fassungslos bin. Dass ich weine. Dass ich nach Gerechtigkeit frage. Nicht immer. Aber manchmal.

Und deshalb rede ich heute über Kinderherzen und Erwachsenenherzen, was vielleicht erstmal ziemlich merkwürdig klingt. Habe Mut erwachsen zu sein, mit einem gereiften Herzen zu fühlen. Aber: Habe auch den Mut zu empfinden, wie ein Kind. Lass dich fallen. Lass los. Vertraue. Sei Freude. Sei Trauer. Sei ganz.

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