Fliegen

Heute morgen hat es draußen wieder mal gestürmt – als ob Trier geradezu an der Nordsee liegt, so kam es mir vor. Ich bin gegen halb 9 mit meinem buntgestreiften Regenschirm am Trierer Dom vorbeispaziert, als eine besonders kräftige Böe um mich herumzischte. Für einen kurzen Moment habe ich da heute Morgen vergessen, dass ich 26 und damit eigentlich schon erwachsen bin. Denn als Kind habe ich bei dieser Gelegenheit immer versucht zu fliegen. So wie Madita. Nur dass ich dazu nicht gleich mit dem Schirm vom Dach gesprungen bin, sondern bei ordentlich Wind einfach auf eine kräftige Böe gewartet habe. Als kleines Mädchen hat das sogar ansatzweise funktioniert. Meine Eltern hatten  einen riesigen Familienregenschirm und wenn man den fest genug gepackt hatte und dann im richtigen Moment unter die Böe sprang, dann ist man für einen kleinen Augenblick abgehoben. Daran dachte ich heute morgen, als ich am Dom vorbeispazierte. Und in dieser herrlichen Erinnerung bin ich dann auch mit meinem Regenschirm ein Stück in die Luft gehüpft, in voller Erwartung, gleich einen guten Meter weit zu segeln. Hat leider nicht geklappt. Es gab nur ein paar irritierte Blicke von Passanten. Und ein Mann, der schrägt gegenüber Bäume zurechtstutzte, rief: „Wir sind doch nicht bei Pippi Langstrumpf hier.“ „Dann bräuchte ich auch keinen Schirm, sondern ein Fahrrad,“ hätte ich am liebsten geantwortet. Hab‘ es aber dann doch gelassen.

Schade. Wie herrlich wäre das gewesen, mit dem Schirm ein paar Sekunden durch die Luft zu sausen. Davon träume ich tatsächlich nachts manchmal. Abzuheben und über Häuser und Menschen hinwegzufliegen. Ich habe auf dem Weg noch weiter darüber nachgedacht. Und mir kam ein Gedanke: Zum Fliegen muss man leicht sein. Nicht umsonst haben Vögel diese erstaunlich gestalteten Knochen, die zum Teil mit Luft „gefüllt“ sind. Aber jetzt kommt die Fastenzeit, kam mir fast zeitgleich in den Kopf. Nicht, dass ich plane, durch eine strenge Rationierung an Süßigkeiten, Alkohol und anderen leckeren Dingen an Gewicht zu verlieren. Ich befürchte fast, dass auch das nichts an meiner Fluguntauglichkeit ändert. Aber ich glaube doch, dass die Fastenzeit eine Zeit ist, die leichter machen kann. Weil man sie nutzen kann, um darüber nachzudenken, was man im und zum Leben tatsächlich braucht. Und ob es nicht Dinge gibt, die einen schwer machen, runterziehen sozusagen. Heute morgen sagte im Radio einer der Moderatoren, dass er „Lügen“ fastet. Immerzu ehrlich sein. Spannend, dachte ich. Ich versuche es dieses Jahr mal mit dem Ärgern. Und der daraus resultierenden miesen Stimmung. Denn das habe ich in letzter Zeit wieder viel zu oft gemacht. Mich geärgert. Dabei hatte ich sogar vor einiger Zeit mal geschrieben, dass damit ein für alle Mal Schluss sein sollte. Gut, dann fange ich erstmal mit sechs Wochen an. Das sollte ja zu schaffen sein. Vielleicht macht mich das ein bisschen leichter. Und beim nächsten Ostersturm kann ich es ja dann nochmal probieren. Draußen. Mit meinem Regenschirm.

Geist to go

Heute habe ich etwas Erstaunliches gelernt. Deshalb schreibe ich auch wieder. In den letzten Wochen kam es mir so vor, als ob mein Kopf wie leergesaugt war. Ich habe den Eindruck, dass ich nur noch denke und mache und tue, mir Sachen ausdenke für alle möglichen Anlässe. Und am Ende bleiben kaum noch Gedanken übrig. Das Gefühl habe ich vor allem an manchen Sonntagen – da ist einfach nur noch gähnende Leere im Kopf. Heute aber ist alles anders. Heute habe ich ein tolles Bild entdeckt, das mich irgendwie mit neuer Energie und neuer Schaffenskraft befüllt hat. Ich bin im Moment im Seminar in Landau, seit fast drei Wochen. Jeden Morgen feiern wir hier zusammen Andacht und gerade heute hat eine Kollegin von mir ein tolles Bild mitgebracht. Sie hat von Gottes Geist erzählt, der uns füllt – und das hat sie mit einem Coffee to Go erklärt. Ein Coffee to Go ist meistens in einem Pappbecher. Schnell auf dem Weg zur Arbeit noch einen Kaffee mitnehmen. Anfangs ist der Becher noch leer und um ihn zu befüllen muss ich den Deckel abnehmen. Ich fühle, wie der Kaffee den Becher langsam erwärmt und wie sich der angenehme Geruch verbreitet. Mit dem Geist ist es ähnlich wie mit diesem Kaffeebecher. Ich muss mich öffnen, damit Gottes guter Geist in mich hineinkommen kann. Platz machen. Und dann kann ich, wenn ich mich darauf einlasse, geradezu fühlen, wie er meine Leerstellen ausfüllt mit seiner Wärme und Klarheit. Und noch etwas: Er ist zum Mitnehmen. Der Kaffee und auch der Geist. Überall dabei. Begleitet mich. Auch dann, wenn vielleicht gerade gar kein Platz in meinen Gedanken und Gefühlen ist. Und diese Erfahrung  bleibt nicht nur bei mir selbst. Auch andere sehen und fühlen, dass ich erfüllt von etwas Besonderem bin. Das Bild hat mich heute morgen sehr angesprochen. Vielleicht sehe ich die Sache in Zukunft ja mal anders. Leere muss kein Defizit sein, nicht per se etwas schlechtes. Ich kann es auch als Platz sehen, als Raum für Gottes Geist in mir, der füllen will. Mit Leben füllen. Das hat mir gefallen. Und mich gefüllt, wie es aussieht.

Mit dem falschen Fuß…

Es gibt Tage, da sollte man besser im Bett bleiben. Tage wie dieser. Um 6.10 heute morgen hat mich die Müllabfuhr vor der Haustür geweckt. Schnell unter die Dusche – Handtuch vergessen. Der erste Schluck Kaffee landet nicht im Mund, sondern auf der frischgewaschenen Bluse. Herrje! Auf dem Weg ins Büro so eine blöde Autofahrerin, die mich mit dem Rad nicht durchlässt. Lange Diskussion. Ich bin spät dran. Auf dem Weg in die Schule dann reiße ich mir ein Loch in die neue Hose! Kopf gestoßen beim Fahrrad anschließen. Das reicht erstmal, würde man meinen. Aber es kommt noch besser. Nach der Schule rase ich nach Hause, mittlerweile regnet es in Strömen, und treffe auf eine Wohnung, die wie vom Blitz getroffen aussieht. Spülmaschine offen, die Wäsche liegt noch auf dem Sofa wie am Morgen. Ist mein Freund mal wieder nicht in die Puschen gekommen heute morgen, denke ich. Ich merke wie ich kurz vorm Explodieren bin. Schon will ich mir einen Zettel nehmen und wutentbrannt losschreiben: Du faules Ei, räum hier mal auf!!!!!!!!! Da fällt mein Blick auf den Adventskalender. Ich habe dieses Jahr einen von „anderezeiten“ – es ist ein Kalender aus lauter schönen Texten. Heute geht es – wie passend – um schlechte Laune. Ha! denke ich und lese. Die Autorin erzählt von ihrer wunderbaren Oma, die alles duldete. Außer schlechter Laune. Bei schlechter Laune wurde man einfach vor die Tür geschickt. „Geh erstmal eine Runde spielen!“ Und wenn man dann nach 3 Stunden toben und spielen mit glühenden Wangen wieder ins Haus kam, hatte man den Grund für die schlechte Laune schon vergessen. Schlechte Laune, so schreibt die Autorin, hielt ihre Großmutter für unhöflich. Das was einen selbst zwickt und zwackt an anderen auslassen.

Ich bemerke ein kleines schuldbewusstes Gefühl in der Magengegend. Gut, dass ich den Zettel noch nicht geschrieben habe. Also versuch ich’s mal, denke ich. Raus mit dir. Ich werfe mich kurzerhand selbst raus. In den Regen. Mit Laufschuhen. Im Stechschritt stampfe ich den Weg in die Weinberge hoch. So richtig ist sie noch nicht verflogen, meine schlechte Laune. Ich jogge los. Und je länger der nasskalte Wind mir um die Nase weht, je mehr Schritte ich zurücklege desto ruhiger werde ich. Es scheint doch etwas dran zu sein an dieser Geschichte. Irgendwann ist es ganz still in meinem Kopf. Ich genieße das Geräusch des knirschenden Schotters unter den Schuhen, die Regentropfen, die auf mein erhitztes Gesicht platschen. Und als ich vor der Haustür stehe: Ja, tatsächlich, sie ist weg. Keine schlechte Laune, weit und breit.

Das scheint ein guter Plan zu sein. Sich einfach mal rauszuwerfen. An die frische Luft.  Die schlechte Laune abschütteln. Ihr davonlaufen. Gehen. Walken. Fahren. Was auch immer einem da beliebt. Statt einem wütenden Zettel, einem wütenden Freund und einer miesepetrigen Dame des Hauses gibt es jetzt Schinkenbrötchen. Sowieso viel besser als sich zu ärgern oder die miese Laune an anderen auszulassen. Die Wäsche räume ich weg. Und schreibe noch schnell dem Freund Bescheid: Es gibt Schinkenbrötchen. Und du darfst nachher noch saugen. Ich sollte mich öfter mal rauswerfen!

Nichtstun

Gestern bin ich nach dem Spinning noch kurz in die Sauna gehüpft. Erst war es noch recht leer, aber dann kamen zwei junge Frauen, etwa in meinem Alter dazu. Sie fingen an sich zu unterhalten. Über den ganzen Stress an der Arbeit. Eine hatte sich krank gefühlt an dem Morgen. „Aber krank werden geht jetzt gar nicht. Das kann ich mir nicht leisten. Wenn ich meine ganzen Termine im Moment nicht wahrnehme – wie soll das gehen? Dann bricht da alles zusammen! Ne, krank werde ich dann erst an Weihnachten.“

Wie oft habe ich mich das auch schon sagen hören: Krank werden kann ich mir jetzt nicht leisten. Wenn man in einem Moment der Ruhe und Entspannung diesen Satz aus dem Mund eines anderen Menschen hört, merkt man erstmal, wie bescheuert das ist, was man da sagt. Das kann ich mir nicht leisten! Krank werden. Gesund werden. Zeit für mich. Nicht drin! Ich glaube, dass viele Menschen in dieser Gesellschaft über so eine Haltung überhaupt erst krank werden. Wie oft erwische ich mich selbst bei dem Gedanken daran, dass, wenn ich es nicht mache, es nicht gemacht wird. Unersetzlich sein. Ohne mich läuft nichts. Ja, das hätte ich vielleicht gerne. Aber so ist es nicht. Niemand ist unersetzlich. Oder anders: Jeder ist ersetzbar. Was sich vielleicht erstmal ziemlich hart anhört, klingt in meinen Ohren doch ganz gut. Zu wissen, dass nicht alles an mir hängt, entlastet von dem Gedanken, dass ich die Verantwortung für alles trage. Und selbst wenn etwas liegenbleibt: Geht denn davon die Welt unter? Kann ich dann nie mehr aus dem Haus gehen?

Leisten wir uns doch mal (den Luxus?) unsere Krankheit auszukurieren. Mit der uns unser Körper meistens sagen will: Ruh‘ dich aus. Gönn dir die Ruhe. Denn ich bin gerade viel zu schwach, um bei deinem Hochleistungsleben mitzuhalten. Und warten wir nicht erst, bis wir gar nicht mehr können. Das Leben ist mehr als Arbeit. Was für ein Glück. Manchmal muss ich mich daran erinnern. Oder andere erinnern mich. Wie die jungen Frauen gestern. Heute bin ich anders durch die Stadt gegangen. Nicht wie ein geölter Blitz zum Unterricht durch die Straßen gezischt. Ich bin langsamer gegangen. Habe einem Musiker an der Ecke zugehört: „Would you know my name, if I saw you in heaven?…“ Das Leben ist mehr als Arbeit. Ich sollte es auch leben. Genießen. Nicht alles durchtakten. Auch mal eine Stunde mit Nichtstun vertrödeln. Wie hat heute morgen eine Schülerin formuliert: „Gott hat bestimmt keinen Stundenzettel für uns. Und auch keine To-Do-Liste!“

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Das ist ein Spunk!

Zum Glück gibt es Herr Güths. Sie helfen einem über die Schreibleere hinweg. Denn in meinem Kopf hat für einige Zeit gähnende Leere geherrscht. Schuld: Der Seelsorgekurs. Ich war gerade einige Wochen in Landau und habe dort theoretische und praktische Grundlagen in Seelsorge kennengelernt. Das war spannend. Aber auch ziemlich anstrengend. Deshalb wohl die gähnende Leere im Oberstübchen. Aber das ist nun vorbei. Ich spüre in den Fingern, dass eine neue Zeit anbricht. Passend zum Advent. Und alles wegen einer Sitzung im Hauptausschuss. Das klingt jetzt verwirrend. Aber das Wichtigste ist: Gestern habe ich eine (eine von wohl sehr vielen) Antworten auf meine Frage gefunden. Was ist ein Spunk? Und das verdanke ich Herrn Güth aus meiner Gemeinde. Denn der überraschte mich gestern damit. Zunächst verborgen in einem Umschlag – zwei Dosen Spunk. Und des Rätsels Lösung: Es sind Salzlakritz. Für Erwachsene. Nicht für Kinder! Das steht extra hinten drauf. Ich habe natürlich heute gleich probiert: Ganz mein Geschmack dieser Spunk. Diese Lakritze stammen aus dem Norden, hier im Süden bekommt man so etwas gar nicht zu kaufen. Ich kann nur sagen: Das hat mich vielleicht gefreut. Und nur so nebenbei: Pippi Langstrumpf hat ja unter anderem auch im Süßigkeitenladen nach dem Spunk gesucht. Vielleicht nur nicht genau geschaut!

Was ist ein Spunk? Das hatte ich ja an den Anfang meiner Schreiberei auf diesem Blog gestellt. Eine Frage. Denn Pippis Suche nach dem Spunk erinnert mich sehr an mein tägliches Geschäft: Oft geht es um Gott. Manchmal ganz verborgen.Man spricht nicht über Gott und spricht doch über ihn. Im Krankenhaus kommt das häufig vor. Seit gestern trägt mich jedenfalls die Gewissheit um so mehr: Gott kann mir überall begegnen. Und sei es in einer Schachtel Lakritze.

 

 

Es ist genug für alle da

Einen schönen Sonntag euch allen! Für alle Interessierten gibt es heute meine Predigt zum Erntedankfest zum Nachlesen, allerdings in einer etwas verändert Web-version.

Markus 8,1-9  1Zu dieser Zeit war wieder eine große Volksmenge bei Jesus zusammengekommen. Da die Menschen nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich. Er sagte zu ihnen: 2 „Die Volksmenge tut mir Leid. Sie sind nun schon drei Tage bei mir und haben nichts zu essen. 3 Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen – denn einige von ihnen sind von weit her gekommen.“ 4 Seine Jünger antworteten ihm: „Wo soll in dieser einsamen Gegend das Brot herkommen, um diese Leute satt zu machen?“ 5 Und er fragte sie: „Wie viele Brote habt ihr?“ Sie antworteten: „Sieben.“ 6 Und er forderte die Volksmenge auf, sich auf dem Boden niederzulassen. Dann nahm er die sieben Brote. Er dankte Gott, brach sie in Stücke und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen. Und die Jünger teilten das Brot an die Volksmenge aus. 7 Sie hatten auch noch einige kleine Fische. Jesus sprach das Segensgebet über sie und ließ sie ebenfalls austeilen. 8 Die Menschen aßen und wurden satt. Danach sammelten sie die Reste und füllten damit sieben Körbe. 9 Es waren etwa viertausend Menschen. Jetzt schickte Jesus sie nach Hause.

Das Glöckchen über der Tür klingelt. Ich trete aus dem dampfenden Nebel in die warme Bäckerei. Ein herrlicher Duft steigt mir gleich in die Nase. Der Duft von frischgebackenem Brot. Weizenmischbrot, Roggenbrot, Vollkornbrötchen, Fintschgauer, Kümmelbrot, Ciabatta, Laugenbrötchen, Gewürzbrot, Baguette, Hefebrötchen, Dinkelbrot… Dieser Geruch weckt bei mir Erinnerungen. Erinnerungen an das, was in meiner Familie über Brot erzählt wird. Mein Vater erzählt von den Tagen, an denen sie mit allen Leuten aus dem Dorf im großen Backhaus selbst Brot gebacken haben, in einem Ofen, der mit Obsthölzern angeheizt wurde. Meine Mutter erzählt von dem Brot, das ihre Großmutter ihr auf dem alten Backofen frisch röstete – mit Butter und Karokaffe. Mir fällt gleich der Streit um das Knüspchen, Ränftchen oder wie das knusprige kleine Ende des Brotes in den Familien sonst genannt wird ein, wenn wir vom Einkaufen mit einem frischen Brot nach Hause kommen. Meine Großmutter isst am liebsten das alte Brot, das schon langsam hart und zäh wird. Mein Großvater dagegen mochte nur frisches: Denn altes, ist morgen immer noch alt.

Brot – das ist nicht nur eines unserer Grundnahrungsmittel. Es steht auch symbolisch für all das, was wir zum Leben brauchen. Wenn ich im Vater Unser um das tägliche Brot bitte, dann meine ich nicht nur mein tägliches Käsebrot. Ich meine mehr: Das, was ich brauche, um gut zu leben. Nahrung, Kleidung, ein sicheres Land, in dem ich leben kann. Eine Arbeit, die mich ernährt, ein Dach über dem Kopf. Freundschaft, die Möglichkeit zu lernen, frische Luft, Gesundheit, Freiheit. Das tägliche Brot – ein Symbol für all das, was ich zum Leben brauche. Nicht zum Existieren. Sondern zum Leben.

Menschen kamen zu Jesus und suchten bei ihm mehr als nur Brot, von dem sie satt werden konnten. Sie kamen, weil sie Hunger hatten auf mehr. Vielleicht kann man es einen Hunger nach Leben nennen. Sie hatten vermutlich viel gehört von diesem wundersamen Menschen, der im Land umherzog, Kranke heilte, Wasser in Wein verwandelte und sich mit den ärmsten und ausgestoßenen der Gesellschaft an einen Tisch setzte. Ein Mann, der eine Ehebrecherin freisprach und sich von einer Prostituierten die Füße waschen ließ.

Wundersam ist ja auch das, was sie hier mit Jesus erleben. So viele Menschen und dann das: Sieben Brote und ein paar mickrige Fische. Die Geschichte erzählt es: Es reicht für alle. Und es bleibt sogar noch etwas übrig. Sieben Körbe. Sieben Brote. Da bleibt sogar ziemlich viel übrig. Heute Morgen geht es mir gar nicht um die Frage: Kann das wirklich so geschehen sein? Können viertausend Menschen von sieben Broten und einigen Fischen satt werden, wenn Jesus im Boot ist? Dann hätten wir das Hungerproblem auf unserer Welt ziemlich schnell im Griff. Ich frage mich vielmehr: Warum war diese Geschichte so wichtig, dass sie über Jesus erzählt und überliefert wurde, dass sie sogar schließlich ihren Platz in der Bibel fand? Neben der Speisung der 4000, die in den Evangelien zweimal zu finden ist, gibt es ja auch die ganz ähnliche Geschichte von der Speisung der 5000, die sogar in allen vier Evangelien überliefert ist.

Menschen kamen zu Jesus, weil sie ahnten, dass sie bei ihm mehr finden würden, als Brot zum Essen. Sie haben die Erfahrung gemacht: Jesus macht viele Menschen satt. Mit so wenig. Und diese Erfahrung hat in der Erzählung über die Speisung der 4000 und der 5000 überlebt. Ganz egal, was damals geschehen ist und was nicht. Diese Erfahrung, die Menschen mit Jesus und ihrem Glauben gemacht haben, war ihnen so wichtig, dass sie sie weitergegeben haben.

Jesus fragt seine Jünger auf ihre verzweifelt Frage hin, woher sie denn Brot für eine so große Menge an Menschen auftreiben sollten: „Wie viele Brote habt ihr?“ Es sind sieben. Dafür, dass wir hier mitten in einem Speisungs- oder Vermehrungswunder sind, wie man diese Textsorte theologisch nennt, bleibt Jesus erstaunlich realistisch. Kein Hokuspokus oder Abrakadabra, mit dem er die sieben Brote in 70 oder 700 verwandelt. Ein realistischer Rat: Schau, was du hast. Und dann: Arbeite mit dem, was du hast. Auch wenn es dir wenig erscheint. Das ist dein Kapital zum Leben. Du hast nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Was du hast, ist genug. Es reicht nicht nur für dich selbst, sondern sogar noch für andere. Und wenn du das, was du hast, für andere Menschen einsetzt, dann wird es sich dabei vermehren.

Jesus lädt mich in dieser biblischen Geschichte heute am Erntedankfest dazu ein, mein Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten: Nicht auf das zu schauen, was ich nicht habe. Sondern das wahrzunehmen, was ich habe. Und das ist viel. Ich habe ein Dach über dem Kopf, ich habe jeden Tag etwas zu essen. Ich habe Menschen, die mir nahe stehen und eine Arbeit. Dafür bin ich dankbar. Sicher – ich arbeite für das Dach über meinem Kopf, das Essen im Kühlschrank bezahle ich von meinem Konto. Ich bezahle eine Versicherung, für den Fall, dass ich krank werde. Ich strenge mich an, um meine Freundschaften zu erhalten, pflege den Kontakt zu meinen Eltern selbst. Ich könnte, frei nach Bart Simpson sagen: Lieber Gott, ich danke dir für gar nichts; ich habe alles selbst bezahlt!

Aber ich bin doch auch Empfangende, auch wenn ich etwas leiste. Weil ich wahrnehmen kann, wie reich ich bin. Wie gut es mir geht. Und ich hoffe darauf, dass ich einmal, wenn ich nichts mehr leisten kann, immer noch genug das, was ich zum Leben brauche, empfangen darf. Dankbarkeit ist für mich eine Haltung, die aus meinem Glauben wächst. Das mag bei anderen anders sein. Bei mir ist es so. Dankbarkeit ist für mich eine Lebenshaltung, die mir immer wieder bewusst macht, dass ich nicht alles selbst machen und erhalten kann in meinem Leben. Wäre ich in einem Land geboren, in dem Krieg herrscht, würde ich dann noch leben? Wäre ich dann auch auf der Flucht vor Hunger und Gewalt? Wäre ich in einer Familie geboren, die ihren Kindern nicht mit auf den Weg gibt, freie und selbstbewusste Menschen zu werden, würde ich dann heute so hier stehen? Dankbarkeit heißt für mich, nicht als selbstverständlich zu nehmen, was ich habe. Daran erinnert mich heute das Erntedankfest. Auch, wenn es, gerade hier bei uns in der Stadt, kein Erntefest im traditionellen Sinne mehr ist. Es ist ein Fest, das mich achtsam werden lässt dafür, dass mein Leben reich beschenkt ist. Ich danke Gott für Leben und Fülle. Die Erntegaben, die hier auf dem Altar liegen, sind Symbol für all das. Wie das tägliche Brot, um das ich bitte.

Die Menschen, die in diesen Tagen zu hunderten und tausenden in unser Land kommen, zeigen mir das nur noch deutlicher. Wie dankbar ich sein kann, hier zu leben. In Sicherheit und Wohlstand. Jesus fordert mich in dieser biblischen Geschichte von der Speisung der 4000 dazu auf, nicht bei meiner Dankbarkeit stehen zu bleiben. Sie soll mein Antrieb zum Handeln in der Welt werden. Was hast du? fragt er mich. Dann arbeite mit dem, was du hast. Teile mit den Hungernden dein Brot und deine Hoffnung. Deine Zukunft. Deine Geborgenheit. Deine Nähe und Träume, Sehnsucht und dein Vertrauen. Denn es ist genug da für dich. Und mehr noch: Für uns alle.

Von Kühen, Wildschweinen und Nächstenliebe

Gestern habe ich mit meinen Konfirmanden und Konfirmandinnen über Gemeinschaft und Nächstenliebe gesprochen. Sie haben den Text der Jahreslosung gelesen (Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zum Lob Gottes) und in eigene Worte übersetzt. Und heute morgen lese ich dann in der Frankfurter Rundschau folgende Schlagzeile: Göttingen – Kuhherde adoptiert Wildschwein. Herrlich! Das Leben ist eben manchmal eine Überraschungstüte.

Ich will jetzt gar nicht länger über Kühe und Wildschweine sprechen, das nur so am Rande. Was mich sehr gefreut hat, waren die Gedanken der Konfirmandinnen und Konfirmanden zu dem Text der Jahreslosung. Jeder Mensch ist wertvoll! Sei du selbst und lass andere auch sie selbst sein! Keine Ausgrenzung! Jeder soll dazugehören! Nimm die anderen so an, wie Gott sie geschaffen hat! Wohlbemerkt: Wir reden hier über 12- bis 13-jährige Jungs und Mädels. Hut ab vor so vielen tollen Gedanken! Schnell kamen wir natürlich auch auf das Thema Flüchtlinge. Sie waren sich einig, dass man so einen Satz gerade in der Frage nach dem Umgang mit Flüchtlingen als Leitlinie nehmen sollte. Ganz klar haben sie da Positionen bezogen: Wir sind alle Menschen, egal ob reich oder arm, egal welche Hautfarbe oder Religion wir haben.

Es macht mir Mut, dass junge Menschen solche Gedanken schon in Worte fassen können, ganz ohne meine Hilfe. Dass sie auf die Idee kommen, dass die Bibel etwas zu unseren gesellschaftlichen Fragen und Problemen zu sagen hat. Wir brauchen solche Menschen ganz dringend, damit sie mit ihrem Denken Vorbild werden können für andere. Toleranz ist ja nunmal ein Gut, das an allen Ecken und Enden fehlt, nicht nur im Blick auf die Frage nach dem Umgang mit Flüchtlingen.

Nochmal zu dem Wildschwein: Das arme kleine Ding hat seine Eltern verloren und jetzt ein neues Zuhause bei den Kühen gefunden. Und es hat sogar schon einen Namen: Johann. Da fragt man sich doch tatsächlich: Warum ist es bei uns nur so schwer? Vielleicht weil Kühe und Wildschweine nicht miteinander sprechen können. Vielleicht auch, weil keine Vorurteile im Weg sind. Da kommt einer, der braucht Hilfe. Und bekommt Hilfe. Einfach so. Und da sage nochmal einer, wir könnten nichts von Kühen oder Schweinen lernen…