Leicht ist es trotzdem nicht

Während meiner Examensvorbereitung habe ich in einem Haus mit vielen Büchern gewohnt. Bücher, in jedem Zimmer. Bücher bis unter die Decken. Dort habe ich seit langem mal wieder Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ gelesen. Eine wunderbare Geschichte über Ronja und Birk, die Freunde werden, obwohl ihre Familien verfeindet sind. Ein bisschen wie Romeo und Julia auf schwedisch und ohne knutschen. Wunderbar! Die beiden fühlen sich wie Bruder und Schwester, aber ihre Väter wollen sich ans Leben. Das macht beiden schwer zu schaffen. An einem Tag, es ist herrlichster Frühling, sitzen die beiden am Weiher. Sie können sich aber überhaupt nicht mehr richtig über den Frühling freuen. Astrid Lindgren schreibt: „Ronja grübelte. »Wenn ich dich nicht zum Bruder hätte, dann würde es mir vielleicht nichts ausmachen, daß Mattis Borka ans Leben will.« Sie sah Birk an und lachte auf. »Also ist es deine Schuld, daß ich jetzt so viele Sorgen habe!« »Ich will nicht, daß du Sorgen hast«, sagte Birk. »Aber auch für mich ist es schwer.« Lange saßen sie dort und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.“

Ich liebe diese Stelle. Weil ich sie so schön finde, habe ich sie auf einen Zettel geschrieben, den ich immer in meiner Tasche herumtrage. Manchmal lese ich ihn im Krankenhaus vor, wenn ich bei Menschen bin, die wirklich traurig sind. Und wir überlegen gemeinsam, ob es nicht jemanden gibt, mit dem das Traurigsein einfacher wird. Manchmal gibt es jemanden. Aber nicht immer.

Das ist wirklich ein Schatz, wenn man in seinem Leben Menschen hat, die mit einem in der Traurigkeit ausharren. Die sich nicht fürchten vor den Tränen oder den trüben Gedanken und den endlosen Schleifen der Gedanken und Gespräche. Menschen, die einfach mit dasitzen, so wie Ronja und Birk, die gemeinsam am Weiher sitzen und es gemeinsam schwer haben. Ich glaube, dass man kaum eine wichtigere und schönere Erfahrung machen kann. Mitten in schlimmen und traurigen Zeiten. Dass jemand für mich da ist, der nicht sagt: „Jetzt muss es aber mal wieder gut sein.“ „Komm, reiß‘ dich zusammen.“ „Kopf hoch.“ Die Traurigkeit mit jemandem zu teilen macht sie manchmal erträglicher. Leicht wird sie aber trotzdem nicht.

Traurigsein kommt im Leben schonmal vor. In meinem jedenfalls. Es gibt größere und tiefere Traurigkeiten und Sorgen, Angst und Furcht. Und kleinere. Beim Abschiednehmen von lieben Menschen. Wenn Hoffnungen nicht wahrwerden. Beim Scheitern. Bei Trennungen. Bei Enttäuschungen. Die Malerin Paula Modersohn-Becker schreibt: „Traurigsein ist wohl etwas Natürliches. Es ist wohl ein Atemholen zur Freude, ein Vorbereiten der Seele dazu.“

Traurigkeit braucht ihren Platz im Leben. Sie lässt sich nicht einfach wegwischen, wie die Krümel auf der Arbeitsplatte. Traurigsein heißt immer auch hinschauen. Schmerzhaftes verarbeiten. Sich verabschieden von Menschen oder Dingen. Und sie damit würdigen und wertschätzen. Kostbares loslassen. Manchmal dauert es lange. „Lange saßen sie dort und hatten es schwer.“ Wie lange? So lange es dauert. Bis die Seele wieder aufatmen kann. So lange.

Ronja hat Birk. Birk hat Ronja. Nicht alle haben eine Ronja und einen Birk. Manche haben keinen, der mit ihnen am Weiher sitzt und das Schwere teilt. Und manchmal will man vielleicht auch niemanden. Ich glaube und hoffe trotzdem fest: „Der HERR ist nahe bei denen, die zerbrochnes Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagen Gemüt haben.“ (Ps 34,18). Manchmal ist Gott meine Ronja, mein Birk. Ich teile die Traurigkeit mit ihm. Das macht sie erträglicher. Leicht wird sie aber trotzdem nicht.

Diesen Beitrag habe ich für eine Aktion von http://in-lauter-trauer.de/ geschrieben.

Mensch, Menschen, Menschlichkeit

Was ist der Mensch? Eigentlich müssten wir es alle doch am besten wissen – schließlich sind wir Experten auf dem Gebiet. Und kommen doch zu so unterschiedlichen Antworten. Was ist der Mensch? Grönemeyer meint: Der Mensch heißt Mensch, weil er hofft, liebt, mitfühlt und vergibt, weil er lacht, weil er lebt.

Was macht mich zum Menschen? Die Fähigkeit zu denken? Wohl kaum, die Grenze wäre zu eng. Überhaupt irgendeine Fähigkeit? Oder doch die Tatsache, dass ich aussehe wie ein Mensch? Meine Seele? Aber wer wollte die beweisen? Mir hilft die Antwort des Theologen Dietrich Bonhoeffer: „Menschliches Leben ist von Menschen geborenes Leben.“ Menschsein heißt einfach erstmal: Da sein. Geboren werden. Existieren. Leben. Sterben. Das macht mich zum Menschen. Keine Fähigkeiten, keine Leistungen.

Was ist der Mensch? Was macht mich zum Menschen? Ich bin Mensch, weil ich von einer Mutter geboren wurde. Mehr ist es eigentlich nicht. Woher kommen dann all diese Trennungen zwischen Menschen, frage ich mich. Ich frage es mich besonders im Moment, wo die Gräben zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion immer tiefer gegraben werden. Mich erschrecken die Botschaften aus Amerika, auch die aus meinem eigenen Land. „America first“ – wie weit ist es von diesem Gedanken zu dem, dass amerikanische Menschen mehr wert sind, als andere? Das waren düstere Zeiten in unserer Menschheitsgeschichte, als Menschen dachten, sich über andere Menschen erheben zu können, weil sie anders aussehen, anders fühlen oder beten: Die Apartheid in Südafrika, die Verfolgung von Homosexuellen in vielen Ländern, die Zeit des Nationalsozialismus, die an Grausamkeit und Abgründigkeit durch nichts übertroffen ist.

Haben wir denn alle nichts gelernt, frage ich mich? Sehen wir denn nicht, wohin es führt, wenn Menschen denken (aus welchen Gründen auch immer), sie seien besser, wertvoller, schützens- und achtenswerter als andere Menschen? Es führt zu nichts Gutem, soviel ist sicher.

Ich glaube, wir alle sind Falschherumdenker. Wir sind Aus-der-falschen-Perspektive-Gucker, Defizitsucher. Wir sehen andere und sehen zuerst das, was an ihnen anders ist. Anderer Kleidungsstil, andere Hautfarbe, andere Ausdrucksweise oder Sprache. Wir suchen die Unterschiede mehr als die Gemeinsamkeiten. Ich habe mich selbst gefragt: Wann kam mir zum letzten Mal der Gedanke, als ich einen anderen Menschen getroffen habe – er oder sie ist wie ich. Ein Mensch.

Wir alle haben so viel gemeinsam. Das wichtigste, das uns alle verbindet: Wir sind Menschen. Davon sollten wir ausgehen. Und dann erstmal den Reichtum zur Kenntnis nehmen, mit dem wir als Menschen in unserer Verschiedenheit gesegnet sind. Wie langweilig wäre die Welt, wenn wir alle gleich wären? Wie wenig gäbe es zu entdecken? Auch über mich in Abgrenzung zu anderen? Was für eine popelige Welt, wenn sie alle so wären wie ich.

Gestern bin ich im Internet auf ein Video gestoßen, das mich auf diesen Gedanken gebracht hat. Zuerst nach dem zu schauen, was verbindet – trotz aller so offensichtlichen Verschiedenheit. Mitten zwischen Abspülen und Lernen hat mich dieses Video zu Tränen gerührt. Warum? Weil es mir so deutlich vor Augen geführt hat, was ich und was wir als Menschen verlernen: Zu suchen, was uns verbindet. In unserem Menschsein.

Das Leben stricken

Ich stricke! Brandaktuell. Seit gestern. Also sollte ich vermutlich besser sagen: Ich habe begonnen, zu stricken. Gerade wohne ich mit zwei Freundinnen zusammen und lerne für unser bevorstehendes Examen. Wir haben überlegt: Wie kann man bloß zwischen Agenden, homiletischen Ansätzen und Staatskirchenrecht ein bisschen Ruhe und Entspannung finden? Ganz klar: Beim Stricken. Ich als absoluter Strick-Grünling muss mich dabei sosehr auf Wolle, Hände und Nadeln konzentrieren, dass ich keinen Platz für theologische Überlegungen in meinem Kopf habe.

Und wie das so ist, während man neue (manchmal auch alte und gewohnte) Dinge tut, kommen einem Gedanken. Mir geht es jedenfalls so. Mir kam der Gedanke, dass Stricken ziemlich deutlich wie das Leben ist. Vielleicht sehe auch nur ich diese Ähnlichkeit, weil ich mich gerade auf der Schwelle befinde. Ich bin im Übergang von der Ausbildung zum „echten“ Berufsleben und ich habe das Gefühl: spätestens jetzt ist Schluss mit lustig und es ist mal dran, erwachsen zu werden. Ich denke viel über das nach, was war und was kommt. Eben das Leben, rückwärts und vorwärts.

Wie ist das also mit meinem Gedanken zum Stricken und zum Leben: Man muss es erstmal lernen. Am Anfang ist es schwierig, das Leben in allen Facetten zu begreifen. So ein Kind entdeckt ja erstmal vom Kleinen ins Große, zuerst gibt es nur Mama und Papa, dann vielleicht auch Oma, Opa, den Postboten, die Erzieherin, den Supermarktverkäufer und den Hund aus Nachbars Garten. Es lernt, erst krabbeln, dann laufen, brabbeln und sprechen, schreiben, lesen, Schnürsenkel alleine binden. Leben ist lernen. Vermutlich hört das nie auf.

Manchmal verstrickt man sich. Ja, gerade am Anfang. Hier eine Masche fallen lassen und eine Schlaufe zu viel. Falsch links gestrickt oder am falschen Faden gezogen. Also, alles nochmal auf und neu. Das gibt es im Leben auch. Nur dass man da nicht alles, was nicht gelungen ist, wieder aufribbeln kann. Aber man kann aus dem lernen, was falsch lief. Man ärgert sich, verzweifelt manchmal über sich selbst und das eigene Scheitern. Aber Leben bleibt unfertig, wenn man beim ersten Fehler alles hinwirft. Genau wie beim Stricken.

Durchhaltevermögen. Das braucht es für beides. Nicht gleich aufgeben, wenn Dinge nicht gelingen. Wenn man nicht sofort Ergebnisse sieht oder die anderen alles viel besser, schneller, schöner können. Geduld. Und die nötige Gelassenheit, auch mal einen Knubbel im fertigen Schal zu ertragen, der da nicht hingehört.

Das Leben kann man nicht stricken. Man kann sich verstricken – zugegeben. In Dinge, in Menschen, in verzwickte Situationen. Leben kann man eben nur leben. Aber genau wie beim Stricken, weiß man nicht so genau, was am Ende herauskommt. Man kann planen und sich Dinge vorstellen, aber wie es aussehen wird, weiß man erst am Ende. Und ist es nicht so, dass der Sinn beim Stricken vor allem das Stricken selbst ist? Vielleicht, das ist mein Gedanke, gilt das auch fürs Leben. Leben um zu leben. Schön!

Dich hat der Himmel geschickt

Manchmal passiert es aus heiterem Himmel. Und dann ist es auch viel, viel schöner als zu Geburtstagen oder Weihnachten, wo man vorher schon darauf wartet: Geschenke. Beschenkt werden. Manchmal sieht ein Geschenk nicht aus wie ein Geschenk. Manchmal hat es Arme und Beine und heißt: Mensch. Es hat einen Namen und ein Gesicht. Mein Geschenk hat viele Arme und Beine, viele Namen und Gesichter: Fünf, um genau zu sein. Mama, Papa, Kind, Kind, Kind. Mein Geschenk. Und das kam so:

Eigentlich lerne ich ja gerade für mein Examen. Verhältnis von Staat und Kirche, Spezialbegriffe für die Stücke im Gottesdienst und Wörter, die sich super fürs Galgenmännchenspiel eignen (wer kommt schon auf presbyterial-synodal?). Eigentlich. In der letzten Woche allerdings habe ich zusätzlich zum Lernen viel gebastelt, gegessen, mit Händen und Füßen gesprochen, bin umarmt worden und habe bis 10 zählen auf Dari gelernt. Kann man vielleicht nicht fürs Examen brauchen, aber fürs Leben. Ich habe viel Zeit mit einer Familie aus Afghanistan verbracht. Mama, Papa, Kind, Kind, Kind. Das war schön. Es hat sich mehr oder weniger zufällig so ergeben. Und mich bis unter die Haarwurzeln und bis in die Zehenspitzen mit Freude und Dankbarkeit erfüllt.

Ich habe in dieser Woche so viele wichtige Dinge gelernt, wie vermutlich in meiner ganzen Examensvorbereitung nicht. Und ich rede gar nicht vom Zählen auf Dari.Es ist so eine lange Liste, dass ich mich wundere, wie so viele Erfahrungen in eine Woche hineinpassen können.

  • Ich habe verstanden, warum es in unserem Land so viele Vorurteile und unbegründete Ängste gibt, wenn es um das Thema „Flucht und Flüchtlinge“ geht. Weil Menschen sich nicht die Mühe machen, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu erkennen, dass wir alle Menschen sind. Wir sprechen vielleicht unterschiedliche Sprachen, haben unterschiedliche Kulturen und Ideen vom Leben, aber wir sind Menschen. Wir haben (im besten Fall) alle eine Nase, 10 Finger und einen Bauchnabel. So sieht’s aus!
  • Ich habe gelernt, dass man nicht die gleiche Sprache sprechen muss, um sich zu verstehen.
  • Ich habe erkannt, dass Familie und Freunde das ist, was das Leben trägt.
  • Ich habe verstanden, warum man sagt, „Liebe geht durch den Magen“.
  • Ich habe verstanden, wie andere Kulturen die eigene bereichern können.
  • Ich habe erkannt, wie schwierig die deutsche Sprache ist und warum Gott zusätzlich Hände und Wörterbücher erfunden hat.
  • Ich habe gelernt, dass eine Hand manchmal mehr sagen kann als hundert Worte.
  • Ich habe verstanden, was es heißt, aufgenommen zu werden.
  • Ich habe gelernt, wie man Traumfänger bastelt und Kartenspiele erfindet.
  • Ich habe verstanden, dass man manchmal lachen kann und trotzdem traurig ist.
  • Ich habe gelernt, zuzuhören.

Und noch etwas habe ich gelernt: Es ist etwas falsch an dem Sprichwort „Geben ist seliger als nehmen“. Ich habe nämlich erfahren: Wenn man von Herzen gibt, dann bekommt man unendlich viel zurück. Diese Woche war ein Geschenk für mich. Ich glaube, dass man immer wieder im Leben, gerade in Phasen, in denen man glaubt, man beschäftige sich mit dem Wichtigen und Essentiellen, solche Erlebnisse braucht, die einem den Kopf zurechtrücken. Sie zwingen einen dazu, sich zu fragen: Was ist wirklich wichtig? Was bringt mich weiter? Worin will ich meine Zeit investieren? Und sie helfen dabei, den Fokus im Leben neu auszurichten. Gutes entdecken. Offen sein für Geschenke, die das Leben mir machen will. Sie annehmen. Oder mit den Sportfreunden Stiller – Menschen treffen, bei denen man spürt: Du bist die Antwort auf die Frage, gibt es reiche Tage? Du kommst wie gerufen, triffst auf den Plan, den es nicht gibt … dich hat der Himmel geschickt!

Schweinehund und Schweinsbär

Als ich fünf Jahre alt war, war Lotta meine Superheldin. Lotta aus der Krachmacherstraße. Die wilde, unbezwingbare, dickköpfige Lotta. Die Lotta, die immer mit einem Bären herumlief, der keiner war. Astrid Lindgren erzählt: „..Der Teddy, das ist ein großes rosa Stoffschwein, das gehört Lotta, und das will sie überallhin mitnehmen. Sie denkt, es ist ein Bär, und darum nennt sie es Teddy. “Aber es ist ein Ferkel, und das ist es immer gewesen”, sagt Jonas.Dann weint Lotta und sagt, es ist ein Bär. “Bären sind aber nicht rosa”, sagt Jonas. “Denkst du, es ist ein Eisbär oder ein gewöhnlicher Bär?” “Es ist ein Schweinsbär”, sagt Lotta.“

Ich wünschte mir, ich wäre wie Lotta und hätte einen Schweinsbär. Aber alles was ich habe, ist ein Schweinehund. Mein Schweinehund findet schönes Wetter besser als Lernen. Er will lieber Gilmore Girls gucken als examensrelevante Texte lesen. Und am liebsten treibt er sich natürlich draußen bei den Pferden rum – ein Platz am Schreibtisch ist eben nichts für Schweinehunde. Und wenn man es genau nimmt, ist er ein Eigentlich-Tier. Ein Eigentlich-Schweinehund. Er hält mich davon ab, wichtige Dinge zu tun und erinnert mich gleichzeitig an sie: „Eigentlich sollte ich jetzt…“ Und dann bekommen die schönen Dinge, die ich mache, einen blöden Beigeschmack: Sie schmecken nach schlechtem Gewissen. Nach Eigentlich. Nach Eigentlich-Schweinehund.

Ich möchte meinem Eigentlich-Schweinehund gerne beibringen, ein Schweinsbär zu werden. Ersten klingt das schöner. Zweitens erinnert mich das an Lotta und das ist an und für sich schon gut. Drittens: Ein Schweinsbär, so stelle ich mir das vor, ist ein Schweinehund ohne „Eigentlich“. Denn dann wäre dieses Tier ja zu etwas zu gebrauchen. Einer, der mich davon abhält, immer fleißig, ordentlich und rechtschaffen zu sein. Ohne „Eigentlich“. Einer, der mich dazu bringt, lauter schöne Dinge ohne Sinn und Zweck zu tun – und vor allem: ohne „Eigentlich“. So ein Schweinsbär wäre mein engster Verbündeter, mein Freund. Er würde mich aus der Mühle des Leisten, Leisten, Leisten herausholen und mitnehmen zu Ausflügen in die Unbeschwertheit und pure Freude.

Ja, ich glaube, jeder braucht so einen Schweinsbär. Auch wenn man ihn natürlich nicht so nennen muss. Achtsamkeit, nennt ihn gerade z.B. die psychologische Trendliteratur. Oder die innere Freundin, den inneren Freund. Sei gut zu dir selbst. Finde heraus was du willst. Gönn‘ dir was. Genieße. Lebe. Oder eben: Leg dir einen Schweinsbär zu.

Über Pferde, Nebel und das Neue (Jahr)

Es ist wieder soweit. Ein Jahr geht zu Ende. Und am Ende sagen wir alle – wie immer: „Wo ist die Zeit hin? Dieses Jahr ist nur so dahingeflogen.“ Und während wir das sagen, bereiten wir vermutlich gerade einen Salat oder eine Bowle für die Silvesterparty heute Abend vor, hüpfen schnell unter die Dusche und sind mit mindestens einem Zeh eigentlich schon im neuen Jahr. Da sind Termine, die anstehen, eine Frist an der Arbeit, ein Urlaub, der geplant ist oder – wie bei mir – ein Examen, das noch erledigt sein will. In all dem Trubel habe ich mir gestern den Luxus gegönnt und mir Zeit genommen, das alte Jahr nochmal zu bedenken, ehe ich es gegen das neue eintausche.

Gestern, bei herrlichstem Sonnenschein, bin ich mit meinem kleinen Isländer über die Felder geritten und habe den Nebel bestaunt, der sich im Tal unter mir ausgebreitet hatte. Nichts zu sehen von Trier. Kein Haus, keine Straße – nur die Spitze vom Fernmeldeturm auf dem Petrisberg ist oben aus dem Nebelmeer rausgeblitzt. Ich habe mich ein bisschen gefühlt, wie der einsame Wanderer auf dem berühmten Gemälde von Caspar David Friedrich. Nichts zu erkennen weit und breit. Nur ein Meer aus Nebel. Mir kam der Gedanke: Fast wie das neue Jahr, das vor mir liegt. Es liegt noch im Nebel. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Das Gerüst mag stehen – vielleicht in meinem Terminkalender. Aber was wartet sonst noch auf mich an Aufgaben und Herausforderungen, die ich noch nicht kenne? Wird es ein gutes Jahr für mich werden?

In der Zeit zwischen altem und neuen Jahr ist man irgendwie in der Schwebe. Vielleicht redet man deshalb auch von der Zeit „zwischen den Jahren“. Nicht richtig hier und nicht richtig dort. Ich nehme in diesen Tagen die Zeit, das Leben, das Sich-Verändern ganz besonders stark wahr. Auch meine eigenen Lebensängste und -zweifel. Da ist dieser Nebel vor mir. Nicht nur das neue Jahr, denn es steht ja nur symbolisch für all das Neue im meinem Leben, all das, was noch wartet und von dem ich noch nichts weiß.

Ich stand gestern ziemlich lange auf diesem Feld und habe in den Nebel geschaut. Mein Pferd unter mir war ganz still, fast als ob es spürte, dass sich wichtige Dinge in meinem Hirn ereignen. Aber dann ist es einfach von alleine losgegangen. Vermutlich hatte es einfach nur die Warterei satt. Wir sind losmarschiert, weiter über die Felder und immer mehr zu auf diese Wand aus Nebel. Und mir wurde klar, dass es gar nicht anders geht: Wir müssen losgehen, wir haben gar keine Wahl, denn das Neue kommt. Egal, ob wir nun erstarren vor Veränderungsangst oder begeistert darauf zustürzen. Es kommt und zwar nicht nur mit dem neuen Jahr, sondern im Grunde jeden Morgen, wenn wir die Augen aufschlagen und ein neuer Tag vor uns liegt. Das Leben kommt und verändert sich. Ich kann mich nicht auf alles vorbereiten, nicht für alles schon einen fertigen Plan in der Schublade haben. Ich muss mich vermutlich einfach mitnehmen lassen.

Mir hilft es, das wurde mir gestern auf dem Rücken dieses sanften und geduldigen Tieres klar, wenn es etwas in meinem Leben gibt, auf das ich vertraue. Etwas, von dem ich mich tragen lassen kann in den Nebel, in alles Neue und Unbekannte hinein. Für mich ist es mein Glaube. Er trägt mich. Meinem Gott vertraue ich, mal mehr, mal weniger. Aber es hilft mir, zu wissen, dass ich jemanden bei mir habe, der mit mir in den Nebel der Zukunft aufbricht.

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Fliegen

Heute morgen hat es draußen wieder mal gestürmt – als ob Trier geradezu an der Nordsee liegt, so kam es mir vor. Ich bin gegen halb 9 mit meinem buntgestreiften Regenschirm am Trierer Dom vorbeispaziert, als eine besonders kräftige Böe um mich herumzischte. Für einen kurzen Moment habe ich da heute Morgen vergessen, dass ich 26 und damit eigentlich schon erwachsen bin. Denn als Kind habe ich bei dieser Gelegenheit immer versucht zu fliegen. So wie Madita. Nur dass ich dazu nicht gleich mit dem Schirm vom Dach gesprungen bin, sondern bei ordentlich Wind einfach auf eine kräftige Böe gewartet habe. Als kleines Mädchen hat das sogar ansatzweise funktioniert. Meine Eltern hatten  einen riesigen Familienregenschirm und wenn man den fest genug gepackt hatte und dann im richtigen Moment unter die Böe sprang, dann ist man für einen kleinen Augenblick abgehoben. Daran dachte ich heute morgen, als ich am Dom vorbeispazierte. Und in dieser herrlichen Erinnerung bin ich dann auch mit meinem Regenschirm ein Stück in die Luft gehüpft, in voller Erwartung, gleich einen guten Meter weit zu segeln. Hat leider nicht geklappt. Es gab nur ein paar irritierte Blicke von Passanten. Und ein Mann, der schrägt gegenüber Bäume zurechtstutzte, rief: „Wir sind doch nicht bei Pippi Langstrumpf hier.“ „Dann bräuchte ich auch keinen Schirm, sondern ein Fahrrad,“ hätte ich am liebsten geantwortet. Hab‘ es aber dann doch gelassen.

Schade. Wie herrlich wäre das gewesen, mit dem Schirm ein paar Sekunden durch die Luft zu sausen. Davon träume ich tatsächlich nachts manchmal. Abzuheben und über Häuser und Menschen hinwegzufliegen. Ich habe auf dem Weg noch weiter darüber nachgedacht. Und mir kam ein Gedanke: Zum Fliegen muss man leicht sein. Nicht umsonst haben Vögel diese erstaunlich gestalteten Knochen, die zum Teil mit Luft „gefüllt“ sind. Aber jetzt kommt die Fastenzeit, kam mir fast zeitgleich in den Kopf. Nicht, dass ich plane, durch eine strenge Rationierung an Süßigkeiten, Alkohol und anderen leckeren Dingen an Gewicht zu verlieren. Ich befürchte fast, dass auch das nichts an meiner Fluguntauglichkeit ändert. Aber ich glaube doch, dass die Fastenzeit eine Zeit ist, die leichter machen kann. Weil man sie nutzen kann, um darüber nachzudenken, was man im und zum Leben tatsächlich braucht. Und ob es nicht Dinge gibt, die einen schwer machen, runterziehen sozusagen. Heute morgen sagte im Radio einer der Moderatoren, dass er „Lügen“ fastet. Immerzu ehrlich sein. Spannend, dachte ich. Ich versuche es dieses Jahr mal mit dem Ärgern. Und der daraus resultierenden miesen Stimmung. Denn das habe ich in letzter Zeit wieder viel zu oft gemacht. Mich geärgert. Dabei hatte ich sogar vor einiger Zeit mal geschrieben, dass damit ein für alle Mal Schluss sein sollte. Gut, dann fange ich erstmal mit sechs Wochen an. Das sollte ja zu schaffen sein. Vielleicht macht mich das ein bisschen leichter. Und beim nächsten Ostersturm kann ich es ja dann nochmal probieren. Draußen. Mit meinem Regenschirm.